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Triebel, Volker, Der ehrbare Kaufmann und Treu und Glauben - Standortvorteile deutschen Rechts gegenüber englischem Recht? (2010)

Title
Triebel, Volker, Der ehrbare Kaufmann und Treu und Glauben - Standortvorteile deutschen Rechts gegenüber englischem Recht? (2010)
Content

Der ehrbare Kaufmann und Treu und Glauben

Standortvorteile deutschen Rechts Gegenüber englischem Recht

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3. Ansätze von Treu und Glauben im englischen Recht

Es soll nicht verschwiegen werden, dass es im englischen Recht zahlreiche Ansätze von good faith gibt, allerdings nur vereinzelt und unsystematisch, als Stückwerk und nicht als übergeordneten Rechtssatz im Vertragsrecht. So schreibt Megaw LJ in einem Urteil des Court of Appeal 1972:

"English law has, characteristically, committed itself to no such overriding principle",

doch er räumt ein:

"... but has developed piecemeal solutions in response to demonstrated problems of unfairness. "15

Wo nun finden sich Ansätze von Treu und Glauben, Einzelfallkonstellationen (Stückwerklösungen = piecemeal solutions) im englischen Recht?

Im weiten Feld der equity, wo Treu und Glauben das Verhältnis zwischen company und ihren directors, zwischen Vertretern und Vertretenen (principal and agent), zwischen Versicherten und Versicherern (uberrimae fidei) regeln. Man denke nur an die altehrwürdigen maxims of equity: He who comes to equity must come with clean hands. Wer Vertragserfüllung verlangt, eine equitable remedy, muss sich nach Grundsätzen von Treu und Glauben richten. Wer allerdings auf Schadensersatz in Geld besteht, einem legal remedy, braucht sich nicht an diese Maximen zu halten.

Selten sind die Fälle, in denen good faith im eigentlichen common law eine Rolle spielt, so bei der Einbeziehung von ungewöhnlichen Vertragsbestimmungen in allgemeinen Geschäftsbedingungen, die fairly and reasonably to the other's attention gebracht werden müssen.16

Wenn die Worte good faith in Gesetzen vorkommen, es also um Gesetzes- und nicht Vertragsauslegung geht: So schützt das englische Arbeitsrecht, und hier der Employment Rights Act 1996 einen Arbeitnehmer, der seinen

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Arbeitgeber wegen einer Straftat in good faith anzeigt (whistle blowing)17 , ähnlich wird der Begriff in dem Sex Discrimination Act 1975, dem Race Relations Act 1976 und dem Disability Discrimination Act 1995 verwendet. Ein leading case, in dem sich der Court of Appeal mit der Auslegung von good faith in einem Gesetz beschäftigte: 1903 hatte der Duke of Westminster, einer der reichsten Grundbesitzer Englands, ein Haus in London auf die Dauer von 63 Jahren verpachtet, und dies zu einem Pachtzins von Sterling 30 jährlich. Die Leasehold Reform Act 1967 schützte die Pächter und gab ihnen das Recht, das Grundstück billigst zu erwerben - eine drastische Art der Enteignung mit der Ausnahme: unless the court is satisfied that the claim [to acquire the freehold or an extended lease] was not made in good faith. Der Pächter begehrte die Grundstücksübertragung, hatte aber verschwiegen, dass er in dem Haus ein Bordell betrieb - zum damaligen Zeitpunkt eine Straftat. Lord Denning sagte: a claim is made in good faith when it is made honestly and with no ulterior motive. Und dies war angesichts des Betriebs eines Bordells, das noch dazu verschwiegen worden war, nicht der Fall.18

Wenn Europarecht dieses Konzept nach England bringt: so in der Consumer Contracts Regulations 199419 . In diesem Fall ging es um Zinsen in einem Konsumentenkredit, die in allgemeinen Bankbedingungen festgesetzt waren. In der EU Verordnung heißt es:

"... 'unfair terms' means any term which contrary to the requirement of good faith causes a significant imbalance in the parties' rights and obligations under the contract to the detriment of the consumer."

Lord Bingam von House of Lords räumt ein:

"Good faith in this context is not an artificial or technical concept; nor, since Lord Mansfield was its champion, is it a concept wholly unfamiliar to British lawyers. It looks not a good standard of commercial morality and practice ..."

Und doch hat das House of Lords die EU Verordnung restriktiv ausgelegt, jedenfalls das kontinentale Verständnis einer solchen Generalklausel abgelehnt.20

Wenn sich englisches Recht dem Einfluss von Lordrichtern, die ihre erste Juristenausbildung in Südafrika, einem civil law country, erhalten haben,

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 nicht entziehen kann, und hier vor allem dem Einfluss von Lord Hoffmann und Lord Steyn21 :

"In the new jus commune of Europe there is a general principle that parties must negotiate in good faith, conclude contracts in good faith and carry out contracts in good faith .... Elsewhere in the common law world, outside the United Kingdom, the concept of good faith in contract law is gradually gaining ground ... since English law serves the international market place it cannot remain impervious to ideas of good faith, or fair dealing. For my part I am quite confident that businessmen and indeed the people in the Underground have no problem with the concept of good faith, or fair dealing. They understand very well what bad faith means. But English lawyers remain resolutely hostile to any incorporation of good faith principles into English law. The hostility is not usually bred from any familiarity with the way in which the principle works in other systems. But it is intense. My impression is that the basis of hostility is suspicion about what goodfaith means...."

US-amerikanisches Recht hat sich anders als englisches Recht entwickelt. In Bezug auf good faith kann sogar von einer Rezeption des deutschen Grundsatzes von Treu und Glauben gesprochen werden. Es war Professor Karl Llewellyn, ein profunder Kenner deutschen Rechts, dem es als Chief Reporter des Uniform Commercial Code zu verdanken ist, dass good faith in 50 von insgesamt 400 Sections angesprochen wurde.22 Erwähnt sei nur die Definition: Good faith means honesty in the conduct or transaction concerned. Darüber hinaus findet sich der Grundsatz von Treu und Glauben im American Law Institute's Restatement (2d) of Contracts wie auch im UN-Kaufgesetz, das in den USA - nicht jedoch in Großbritannien - ratifiziert wurde.

[...]

15Interfoto Picture Library Ltd. v. Stiletto Visual Programmes Ltd. [1989] Q.B. 433.
16So Interfoto Picture Library Ltd. v. Stiletto Visual Programmes Ltd. [1989] Q.B. 433.
17Lord Justice Auld in Street v. Derbyshire Unemployed Workers' Centre, Court of Appeal [2005] ICR 97.
18Central Estates (Belgravia) Ltd. v. Woolgar [1972] 1 Q.B. 48.
19SI 1994, 3159, konkret ging es um Consumer Credit Act 1974.
20Director of Fair Trading v. First National Bank [2001] UKHL 52.
21Siehe auch die Entscheidung des House of Lords zur Auslegung einer Kündigungserklärung in Mannai (vgl. Fn. 11).
22Zum US-amerikanischen Recht vgl. im einzelnen Farnsworth, Good Faith in Contract Performance, S. 153 ff; Summers, in Zimmermann/Whittaker, Good Faith in European Contract Law, S. 118ff ebenso Restatement of Contracts (2d) in Section 205.

A project of CENTRAL, University of Cologne.