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Art. 17 MAR – Veröffentlichung von Insiderinformationen (FAQs)

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Stand: 29.05.2019

I. Rechtsgrundlagen:

1. Welche Rechtsgrundlage hat die Vorschrift zur Veröffentlichung von Insi- derinformationen?

Antwort:

123 Die Verpflichtung zur Veröffentlichung von Insiderinformationen ergibt sich aus Art. 17 MAR (Market Abuse Regulation). Näher bestimmt wird Art. 17 MAR durch eine delegierte Verordnung gemäß Art. 17 Abs. 2 Unterabs. 3 und Abs. 3 MAR sowie durch begleitende ITS (Implementing Technical Standards = Durchführungsstandards) gemäß Art. 17 Abs. 10 MAR, die ebenfalls unmittelbar anwendbar sind, und Guidelines (Leitlinien) gemäß Art. 17 Abs. 11 MAR.

Die BaFin weist auf die Berichtigung der MAR vom 21.12.2016, veröffentlicht im Amts- blatt der Europäischen Union (L 348/85), hin. Danach wird der englische Originaltext in Art. 17 Abs. 1 MAR „as soon as possible“ mit „unverzüglich“ übersetzt.

Folgende delegierte Verordnungen, ITS und Guidelines sind hierbei zu berücksichtigen:



·  

Durchführungsverordnung (EU) 2016/1055 der Kommission vom 29.06.2016 zur Festlegung technischer Durchführungsstandards hinsichtlich der technischen Mittel für die angemessene Bekanntgabe von Insiderinformationen und für den Aufschub der Bekanntgabe von Insiderinformationen gemäß Verordnung (EU) 596/20141; diese beruht auf den Entwürfen technischer Durchführungsstandards, die der Kommission von der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) vorgelegt wurden.2


·  Delegierte Verordnung (EU) 2016/522 der Kommission vom 17.12.2015 zur Er- gänzung der Verordnung (EU) 596/2014 im Hinblick auf eine Ausnahme für be- stimmte öffentliche Stellen und Zentralbanken von Drittstaaten, die Indikatoren für Marktmanipulation, die Schwellenwerte für die Offenlegung, die zuständige Be- hörde, der ein Aufschub zu melden ist, die Erlaubnis zum Handel während eines geschlossenen Zeitraums und die Arten meldepflichtiger Eigenschäfte von Füh- rungskräften.3
·  ESMA MAR-Leitlinien zum Aufschub der Offenlegung von Insiderinformationen so- wie ESMA Final Report Guidelines on the Market Abuse Regulation – market soundings and delay of disclosure of inside information.4


2 ESMA Final Report Draft technical standards on the Market Abuse Regulation - ESMA/2015/1455 vom 28.09.2015 (https://www.esma.europa.eu/sites/default/files/library/2015/11/2015-esma-1455_-_final_re- port_mar_ts.pdf) unter Berücksichtigung der ESMA Opinion, veröffentlicht am 17.06.2016 (https://www.esma.europa.eu/press-news/esma-news/esma-issues-opinion-inside-information-disclosure-un- der-market-abuse-regulation).
3 ABl. EU L 88/1 vom 05.04.2016.
4 ESMA2016/1478 DE vom 20.10.2016 und ESMA/2016/1130 vom 13.07.2016

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· ESMA Questions and Answers On the Market Abuse Regulation (ESMA70-145- 111)5

2. Gelten die von ESMA veröffentlichten MAR-Leitlinien zum Aufschub der Offenlegung von Insiderinformationen auch in Deutschland?

Antwort:

ESMA hat am 20.10.2016 eine deutsche Übersetzung der Leitlinien für den Aufschub der Offenlegung von Insiderinformationen nach Art. 17 Abs. 4 MAR veröffentlicht (ESMA/2016/1478 DE). Diese bieten gemäß Art. 17 Abs. 11 MAR eine nicht abschlie- ßende Liste der berechtigten Interessen des Emittenten, die von einer unverzüglichen Of- fenlegung von Insiderinformationen aller Wahrscheinlichkeit nach beeinträchtigt wären, und von Fällen, in denen der Aufschub der Offenlegung von Insiderinformationen geeig- net ist, die Öffentlichkeit irrezuführen.

Die BaFin hat ESMA mitgeteilt, diesen Leitlinien nachzukommen. Die BaFin zieht daher im Rahmen ihrer Verwaltungspraxis diese Leitlinien zur Konkretisierung der Voraussetzungen des Art. 17 Abs. 4 MAR heran.

3. Welche Änderungen ergeben sich durch das 1. bzw. 2. Finanzmarktnovel- lierungsgesetz?

Antwort:

Am 02.07.2016 war zunächst das neue WpHG in der Form des Ersten Finanzmarktnovel- lierungsgesetzes (1. FiMaNoG) in Kraft getreten. Danach regelte § 15 Abs. 1 WpHG die Vorabmeldung über die Veröffentlichung der Insiderinformation an die BaFin. Daneben ist die Meldung über die Veröffentlichung der Insiderinformation vorab den nationalen Han- delsplätzen (Regulierte Märkte und MTFs; OTFs ab 03.01.2018), an denen die Finanzin- strumente des Emittenten zugelassen oder einbezogen sind, zuzuleiten. Eine Unterschei- dung nach Handelsplätzen mit und ohne Zustimmung/Genehmigung zum Handel erfolgt bzgl. der Vorabmeldung nicht. Die Zuleitung an das Unternehmensregister erfolgt eben- falls wie bisher nach der Veröffentlichung der Insiderinformation. Mit Inkrafttreten weite- rer Teile des 2. Finanzmarktnovellierungsgesetzes (2. FiMaNoG) zum 03.01.2018 finden sich die bisher in § 15 Abs. 1 WpHG a.F. geregelten Mitteilungs- und Informationspflich- ten an die BaFin bzw. das Unternehmensregister jetzt in § 26 Abs. 1 WpHG.

Die WpAIV wurde im Zuge des 2. FiMaNoG durch die Dritte Verordnung zur Änderung der Wertpapierhandelsanzeige- und Insiderverzeichnisverordnung zum 03.01.2018 in die Wertpapierhandelsanzeigeverordnung (WpAV) umbenannt und an die europäischen Vor- gaben angepasst.

II. Adressatenkreis:

1. Welche Emittenten sind veröffentlichungspflichtig? Antwort:

Neben den bereits verpflichteten Emittenten am organisierten (=regulierten=geregelten) Markt waren zunächst lediglich Emittenten am MTF (siehe insoweit Art. 39 Abs. 4 MAR)

5 ESMA70-145-111 (https://www.esma.europa.eu/sites/default/files/library/esma70-145-111_qa_on_mar.pdf). 2
veröffentlichungspflichtig, sofern ihre Finanzinstrumente mit ihrer Zustimmung zum Han- del zugelassen oder in den Handel einbezogen sind. Die Zustimmung zum Handel bzw. die Genehmigung (siehe Erwägungsgrund 49, letzter Satz der MAR sowie Corrigendum zur MAR) beinhaltet dabei mehr als ein bloßes zur Kenntnisnehmen. Der Emittent muss wissentlich und willentlich dem Handel zugestimmt haben. Dabei ist unerheblich, ob er den aktuellen Folgepflichten der MAR auch zustimmen wollte oder will.

Hier sind drei Arten der Zustimmung im MTF-Handel denkbar:

·  Emittenten, die selbst einen Antrag auf Zulassung/Einbeziehung zum Handel im MTF gestellt haben;
·  Emittenten, die einen Dritten beauftragt haben, einen Antrag auf Zulassung/Ein- beziehung zum Handel zu stellen;
·  Emittenten, die die Zulassung/Einbeziehung ihrer Wertpapiere zum Handel durch einen Dritten genehmigt haben.

Mit Wirksamwerden weiterer Vorschriften der MAR und Inkrafttreten weiterer Teile des 2. FiMaNoG zum 03.01.2018 sind auch Emittenten am OTF und Teilnehmer am Emissions- zertifikatemarkt transparenzpflichtig. Für die Teilnehmer am Markt für Emissionszertifi- kate hat die BaFin eigene FAQs veröffentlicht.6

2. Was ist ein MTF? Antwort:

Der Begriff MTF (Multilateral Trading Facility) bedeutet ein multilaterales Handelssystem und meint ein System oder einen Mechanismus, der die Interessen einer Vielzahl Dritter am Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten innerhalb des Systems in einer Weise zu- sammenbringt, die zu einem Vertrag über den Kauf dieser Finanzinstrumente

führt (§ 2 Abs. 8 Nr. 8 WpHG, Art. 3 Abs. 1 Nr. 7 MAR, Art. 4 Abs. 1 Nr. 22 Richtlinie 2014/65/EU (MiFID II). Der Betrieb eines MTFs ist erlaubnispflichtig (§§ 32, 1 KWG).

Listen zugelassener MTFs können auf der ESMA-Website unter folgendem Link abgerufen werden:

https://www.esma.europa.eu/databases-library/registers-and-data Die deutschen Freiverkehre gelten als MTF.

3. Was ist ein OTF? Antwort:

Der Begriff OTF (Organised Trading Facility) bedeutet ein organisiertes Handelssystem und meint ein multilaterales System, bei dem es sich nicht um einen geregelten Markt o- der ein MTF handelt und das die Interessen einer Vielzahl Dritter am Kauf und Verkauf von Schuldverschreibungen, strukturierten Finanzprodukten, Emissionszertifikaten oder Derivaten innerhalb des Systems auf eine Weise zusammenführt, die zu einem Vertrag über den Kauf dieser Finanzinstrumente führt (§ 2 Abs. 8 Nr. 9 WpHG, Art. 3 Abs. 1 Nr. 8 MAR, Art. 4 Abs. 1 Nr. 23 Richtlinie 2014/65/EU). Auch der Betrieb eines OTF ist erlaub- nispflichtig (§§ 32, 1 KWG). Listen zugelassener OTF können ebenfalls auf der ESMA- Website abgerufen werden.

6 FAQs zu Art. 17 Abs. 2 MAR (https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/FAQ/dl_faq_mar_art_17_Zerti- fikateemittenten.pdf?__blob=publicationFile&v=2).
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4. Wer muss eine Vorabmeldung gemäß § 26 Abs. 1 WpHG (§ 15 Abs. 1 WpHG a.F.) übermitteln?

Antwort:

Nach § 26 Abs. 1 WpHG hat ein Inlandsemittent, ein MTF- oder OTF-Emittent, der gemäß Artikel 17 Absatz 1, 7 oder 8 der Verordnung (EU) Nr. 596/2014 verpflichtet ist, Insider- informationen zu veröffentlichen, diese vor ihrer Veröffentlichung der Bundesanstalt und den Geschäftsführungen der Handelsplätze, an denen seine Finanzinstrumente zum Han- del zugelassen oder einbezogen sind, mitzuteilen. Der Inlandsemittentenbegriff ist in § 2 Abs. 14 WpHG legaldefiniert. Wer MTF-Emittent ist, ergibt sich aus § 2 Abs. 15 WpHG, der OTF-Emittentenbegriff ist in § 2 Abs. 16 WpHG definiert.

5. An wen muss die Vorabmeldung gemäß § 26 Abs. 1 WpHG übermittelt werden?

Antwort:

Aus § 26 Abs. 1 WpHG ergibt sich, dass alle inländischen Handelsplätze, an denen die Fi- nanzinstrumente des Emittenten zugelassen oder einbezogen sind, zu informieren sind und keine Unterscheidung nach Zustimmung/Genehmigung erfolgt. Dies ist mit dem Ziel, den Handelsplätzen eine Aussetzung zu ermöglichen, auch sachdienlich. Es ergibt sich kein vordringlicher Grund, warum die Aussetzungsmöglichkeit nur bestimmten Handels- plätzen vorbehalten sein soll. „Handelsplatz“ ist über Art. 3 Abs. 1 Nr. 10 MAR in Verbin- dung mit Art. 4 Abs. 1 Nr. 24 der Richtlinie 2014/65/ EU (MiFID II) legaldefiniert und be- inhaltet regulierte Märkte, MTFs und OTFs (ebenso § 2 Abs. 22 WpHG). Der Betrieb von MTF- und OTF-Handelssystemen ist erlaubnispflichtig. Nur insofern genehmigte Handels- plätze, an denen das Finanzinstrument zugelassen oder einbezogen ist, dürfen vorab in- formiert werden. Es ist darüber hinaus zu beachten, dass hier in der Regel Insiderinfor- mationen vor deren eigentlicher Veröffentlichung an den Kapitalmarkt weitergeleitet wer- den. Prinzipiell gilt Art. 14 c) MAR, wonach Insiderinformationen nicht unrechtmäßig of- fengelegt werden dürfen, sofern die Weitergabe nicht gesetzlich legitimiert an Berechtigte erfolgt. Das bedeutet, dass nicht alle Handelsplätze informiert werden dürfen, sondern nur diejenigen, an denen die Finanzinstrumente des Emittenten tatsächlich zugelassen oder einbezogen sind. Eine missbräuchliche Weitergabe wäre ein Verstoß gegen Art. 14 c) MAR. Der Emittent muss also selbst bzw. durch einen ggf. beauftragten Dienstleister prü- fen, an welchen Handelsplätzen seine Finanzinstrumente zugelassen oder einbezogen sind.

6. Muss ein in Deutschland am Freiverkehr bzw. MTF-/OTF-gelisteter Emit- tent Ad-hoc-Meldungen dem deutschen Unternehmensregister gemäß § 26 Abs. 1 WpHG übermitteln?

Antwort:

Gemäß § 26 Abs. 1 WpHG müssen ausschließlich Inlandsemittenten oder MTF- bzw. OTF- Emittenten unverzüglich, jedoch nicht vor der Veröffentlichung der Ad-hoc-Meldung diese dem Unternehmensregister im Sinne des § 8b des Handelsgesetzbuches zur Speicherung übermitteln. Wer Inlandsemittent, MTF- oder OTF-Emittent ist, ergibt sich aus § 2 Abs. 14 bis 16 WpHG.
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7. Ab wann beginnt die Transparenzpflicht? Antwort:

Gemäß Art. 17 Abs. 1 Unterabs. 3 MAR beginnt sowohl für Emittenten des geregelten Marktes als auch MTF-Emittenten die Transparenzpflicht für den Fall, dass der Emittent selbst oder durch den Dritten die Zulassung/Einbeziehung zum Handel beantragt hat, mit Antragstellung. Hat ein MTF-Emittent keinen Antrag gestellt, beginnt die Transparenz- pflicht ab dem Zeitpunkt, zu dem er dem Handel seiner Finanzinstrumente an einem MTF zugestimmt oder diesen genehmigt hat. OTF-Emittenten sind ab dem Zeitpunkt transpa- renzpflichtig, zu dem sie dem Handel ihrer Finanzinstrumente an dem OTF zugestimmt oder diesen genehmigt haben.

8. Waren Insiderinformationen, die bei MTF-Emittenten vor dem 02.07.2016 bzw. OTF-Emittenten vor dem 03.01.2018 entstanden sind und am 02.07.2016 bzw. 03.01.2018 noch aktuell waren, am 02.07.2016 bzw. 03.01.2018 zu veröffentlichen gewesen?

Antwort:

Ja, da MTF-Emittenten seit dem 02.07.2016 bzw. OTF-Emittenten seit dem 03.01.2018 transparenzpflichtig sind, sind deren Insiderinformationen unverzüglich zu veröffentlichen (gewesen), auch wenn sie bereits vor geraumer Zeit entstanden, aber noch nicht öffent- lich bekannt waren.

III. Inhaltliche Fragen zur Veröffentlichungspflicht von Insiderinfor- mationen nach MAR:

1. Muss an der Entscheidung zur zeitweisen Selbstbefreiung nach Art. 17 Abs. 4 MAR weiterhin ein Mitglied der Geschäftsführung teilnehmen (vgl. Emittentenleitfaden der BaFin, S. 59, IV.3)?

Antwort:

Obgleich ESMA im Final Report (ESMA/2015/1455 vom 28.09.2015) unter Punkt 239, S. 52, lediglich von einer verantwortlichen Person zur Entscheidung bezüglich der Selbstbe- freiung spricht und ein Vorstandsmitglied in diesem Zusammenhang als Beispiel anführt, ändert sich an der Verwaltungspraxis der BaFin nichts, da sich die Ausführungen ESMAs in erster Linie an das „one-tier-system“ richten. Es ist weiterhin mindestens ein Vor- standsmitglied an der Entscheidung über die Selbstbefreiung zu beteiligen.

2. Ist ein Wegfall der Vertraulichkeit im Sinne von Art. 17 Abs. 7 MAR auch für den Fall gegeben, dass eine Vertraulichkeitslücke nicht auf den Emit- tenten zurückgeht?

Antwort:

Mit der Auslegung durch ESMA im Final Report (ESMA/2015/1455 vom 28.09.2015) unter den Punkten 242. – 244. (S. 53) kann an der bisherigen Auslegung der BaFin, wonach der Emittent nur eigenen Vertraulichkeitslücken mit einer sofortigen Veröffentlichung be- gegnen muss, nicht weiter festgehalten werden. Darauf, in wessen Sphäre die Vertrau- lichkeitslücke entstanden ist, kommt es nicht mehr an.
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3. Wann ist ein Gerücht gemäß Art. 17 Abs. 7 Unterabs. 2 MAR ausreichend präzise?

Antwort:

Eine europaweit vereinheitlichte Definition besteht diesbezüglich nicht. Nach Auffassung der BaFin ist ein Gerücht dann ausreichend präzise, wenn die daraus abzuleitende Infor- mation darauf schließen lässt, dass ein Informationsleck entstanden ist, wobei dessen Herkunft unerheblich ist, sodass die Vertraulichkeit nicht länger als gewahrt gelten kann. Jedoch kann ein willkürliches Streuen diffuser Informationen, die einem Verbreiten von falschen oder irreführenden Informationen gleichkommt in der Absicht, dem Emittenten richtig stellende Informationen zu entlocken, dabei nicht als ausreichend präzise gelten (ähnlich schon CESR im Third set of guidance zur MAD vom 15.09.2009, vgl. dort Rz. 61).

4. Welche Prüfungsschritte empfehlen sich im Hinblick auf die Bewertung von Umständen als mögliche Insiderinformationen?

Antwort:

Für die Bewertung von Insiderinformationen bieten sich grundsätzlich folgende Schritte an:

a) Präzise Information

Zunächst ist zu prüfen, ob der eingetretene oder zukünftige Umstand eine präzise Infor- mation darstellt. Hierzu bestimmt Art. 7 Abs. 2 MAR für den Fall eines zukünftigen Um- stands, dass vernünftigerweise zu erwarten sein muss, dass er in Zukunft eintreten wird. Hiermit ist, wie auch bisher, gemeint, dass mit hinreichender Wahrscheinlichkeit vom Er- eigniseintritt ausgegangen werden muss. Die BaFin geht hier von einem Maßstab 50% + x (überwiegende Wahrscheinlichkeit) aus. Das Ausmaß der Auswirkung auf den Kurs der betroffenen Finanzinstrumente oder auch die Richtung einer möglichen Auswirkung ist an dieser Stelle nicht zu berücksichtigen. Die Informationen müssen darüber hinaus spezi- fisch genug sein, um einen Schluss auf die mögliche Auswirkung auf die Kurse der be- troffenen Finanzinstrumente zuzulassen.

b) Kursbeeinflussungspotenzial

Gemäß Art. 7 Abs. 4 MAR sind unter „Informationen, die, wenn sie öffentlich bekannt würden, geeignet wären, den Kurs von Finanzinstrumenten spürbar zu beeinflussen“, In- formationen zu verstehen, die ein verständiger Anleger wahrscheinlich als Grundlage sei- ner Anlageentscheidung nutzen würde.

Erwägungsgrund 14 MAR lautet: Verständige Investoren stützen ihre Anlageentscheidun- gen auf Informationen, die ihnen vorab zur Verfügung stehen (Ex-ante-Informationen). Die Prüfung der Frage, ob ein verständiger Investor einen bestimmten Sachverhalt oder ein bestimmtes Ereignis im Rahmen seiner Investitionsentscheidung wohl berücksichtigen würde, sollte folglich anhand der Ex-ante-Informationen erfolgen. Eine solche Prüfung sollte auch die voraussichtlichen Auswirkungen der Informationen in Betracht ziehen, ins- besondere unter Berücksichtigung der Gesamttätigkeit des Emittenten, der Verlässlichkeit der Informationsquelle und sonstiger Marktvariablen, die das Finanzinstrument, die damit verbundenen Waren-Spot-Kontrakte oder die auf den Emissionszertifikaten beruhenden Auktionsobjekte unter den gegebenen Umständen beeinflussen dürften.
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Das Merkmal des Kursbeeinflussungspotenzials verlangt eine Einschätzung, inwieweit der Börsen- oder Marktpreis beeinflusst wird, wenn die Umstände bekannt werden. Es kommt daher nicht darauf an, ob sich der Preis eines Insiderpapiers nach Bekanntwerden der In- siderinformation tatsächlich verändert hat. Ausreichend ist, wenn es aus Sicht eines ver- ständigen Anlegers, der zum Zeitpunkt seines Handelns alle verfügbaren Informationen kennt, wahrscheinlich erscheint, dass es zu einer erheblichen Preisbeeinflussung kommen kann. Allerdings können nach Bekanntwerden der Insiderinformation tatsächlich eingetre- tene erhebliche Veränderungen des Börsen- und Marktpreises als Indiz für das Preisbe- einflussungspotenzial der zu bewertenden Information herangezogen werden. Die Vo- raussetzung der Erheblichkeit soll sicherstellen, dass nicht jeder Umstand, der zu einer geringfügigen Preisbewegung führen kann, als Insiderinformation zu bewerten ist. Ent- scheidend ist, ob ein verständiger Anleger die Information bei seiner Anlageentscheidung wahrscheinlich berücksichtigen würde. Das ist der Fall, wenn ein Kauf- oder Verkaufsan- reiz gegeben ist und das Geschäft dem verständigen Anleger lohnend erscheint. Danach scheiden solche Fälle aus, in denen die Verwertung einer nicht öffentlich bekannten Infor- mation von vornherein keinen nennenswerten wirtschaftlichen Vorteil verspricht und da- mit kein Anreiz besteht, die Information zu verwenden. Sollte sich beispielsweise bei der Aufstellung des Jahresabschlusses eine Gewinnsteigerung oder ein Verlust von 50 % ge- genüber dem Vorjahr ergeben, stellt dies zwar eine neue Information dar; die Eignung zur erheblichen Kursbeeinflussung hängt jedoch entscheidend davon ab, welche Informa- tionen vorliegen bzw. öffentlich bekannt sind oder welche Prognosen bereits vor der Auf- stellung des Jahresabschlusses zur Ertragslage vom Unternehmen abgegeben worden und aufgrund dessen bereits vom Markt erwartet worden sind. Ähnliches gilt für z.B. In- solvenzen. Auch hier kommt es für die Eignung zur erheblichen Kursbeeinflussung ent- scheidend darauf an, ob z.B. bereits Zahlungsschwierigkeiten oder eine bevorstehende drohende Insolvenz zuvor öffentlich bekannt waren. Denn nicht nur die (bevorstehende) Stellung eines Insolvenzantrags, sondern auch damit im Zusammenhang stehende Um- stände im Vorfeld (z.B. Zahlungsstockung, drohende Zahlungsunfähigkeit, festgestellte Zahlungsunfähigkeit) können Insiderinformationen sein.

Hierbei ist zu beachten, dass der Preis eines Finanzinstrumentes nicht nur von den Infor- mationen über das betreffende Unternehmen selbst, sondern auch von der Verfassung des Gesamtmarktes oder der Branche sowie von zusätzlichen Faktoren wesentlich ge- prägt wird. Gesicherte Aussagen ohne Prüfung im Einzelfall, welche Umstände preisrele- vant sind, sind daher nicht möglich.

Im Hinblick auf die Umstände, die ein verständiger Anleger bei der Bewertung, ob einer Information möglicherweise Kursbeeinflussungspotenzial zukommen kann, heranziehen würde, ist ferner auf Folgendes hinzuweisen:

Im so genannten Lafonta-Urteil (EuGH C-628/13 vom 11.03.2015) hat der EuGH ent- schieden, dass für die Einstufung einer Information als „präzise“ i.S.d. Art. 1 Abs. 1 der Richtlinie 2003/124 nicht zu verlangen ist, dass aus ihr mit hinreichender Wahrscheinlich- keit abzuleiten ist, dass sich ihr potenzieller Einfluss auf die Kurse der betreffenden Fi- nanzinstrumente in eine bestimmte Richtung auswirken wird, wenn sie öffentlich bekannt werden. Dabei führt der EuGH aus, dass weder Art. 1 Abs. 2 der Richtlinie 2003/124, der das Kursbeeinflussungspotenzial definiert, noch Art. 1 Abs. 1 verlangen, dass es die In- formation erlaubt, die Richtung zu bestimmen, in die sich der Kurs der betreffenden Fi- nanzinstrumente verändern wird. Eine erteilte Information könne nämlich von einem ver- ständigen Anleger als Teil der Grundlage seiner Anlageentscheidung genutzt werden und daher der in Art. 1 Abs. 2 aufgestellten Bedingung genügen, auch wenn diese Informa- tion es nicht erlaubt, die Änderung des Kurses der betreffenden Finanzinstrumente in eine bestimmte Richtung vorherzusehen.
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1ABl. EU L 173/47 vom 30.03.2016.

Referring Principles
This document is cited by
A project of CENTRAL, University of Cologne.